| Vor einiger Zeit traf ich einen Mann, der ‘in Frage kam’. Beim ersten Kaffee wollten wir uns etwas näher kennenlernen, und zu meinem Entsetzen stellte ich fest, dass ich kaum bereit bin mich im Privatleben darzustellen. Ganz einfach deshalb, weil ich auch nicht dazu bereit bin, eine solche Darstellung auf längere Zeit mit dem passenden Hintergrund zu verdichten. Im Berufsleben ist meine Darstellung zeitlich so wohltuend scharf begrenzt.Er hatte Erfahrung mit seiner eigenen Inszenierung, brachte aus eigenem Impuls all die Informationen ein, die Frauen interessieren: Familienverhältnisse, Fitness, berufliche Aussichten, Hobbys, religiöse Ansichten, seine Lebensgeschichte.Was mir da alles durch den Kopf ging: ich müsste meine Essgewohnheiten umstellen, mir eine Art Lifestyle zulegen, einen modischen Geschmack, Vorlieben und Abneigungen zu allem Möglichen und Unmöglichen, und diese dann auch durchsetzen (nichts ist lähmender als ein ‘Ist mir egal’), ich müsste diesem Mann Gelegenheiten schaffen mir zu gefallen. (damit er seine eigenen Ungereimtheiten wieder gutmachen kann). Kurzum, ich müsste Geld (und schlimmer: Gedanken) an Fragen verwenden, die meine Lebensqualität um keinen Deut verbessern. Und obendrein dürfte er von meiner muffeligen Einstellung nichts bemerken.
Was dabei für mich rausspringen könnte, Sex und vielleicht auf lange Sicht finanzielles Teilen, (ungelogen, so denken Frauen) würde mir unter den Umständen wenig Freude machen. Also ließ ich die Inszenierung sein und fand mich noch am selben Nachmittag mit einem freundlichen Winken an der Straßenbahn abgestellt. Jeder inszeniert sich, hat schon lange und unermüdlich an einem glaubwürdigen Abbild seiner selbst gebastelt. Das ist Teil der üblichen Sitten und des allgemeinen Anstandes. Hier ist der öffentliche Raum so wohltuend: nicht was man ist, sondern dass man etwas darstellt, sichert einem Menschen einen Anteil. Am besten sieht man das an Senioren, die sich für den Sonntagsspaziergang sorgsam in Schale geworfen haben, und somit genau soviel gelten, wie ein poppiger Mountainbikefahrer in der Blüte seiner Jahre. Die Wissenschaft geht inzwischen soweit, dass es gar kein Ich gibt. Wir wählen nach Bedarf – in den jeweiligen Situationen – aus unserem Repertoire verschiedene Persönlichkeiten aus, Konstrukte, die wir dann möglichst glaubhaft präsentieren. Man trete nur mal während einer Party auf die Terrasse, um die frische Nachtluft zu genießen. Drinnen und draußen ist man jeweils ein anderer Mensch. Es it eine Leistung unseres Gehirns, dass wir das Ich als kontinuierlich erleben. Ist es denn angebracht überhaupt von Authentizität zu sprechen? Geht es denn nicht eher um ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit? Nun kommt es gar nicht darauf an, ob man das Ich für gegeben nimmt oder nicht. Die inneren Abläufe nehmen ihren Lauf. Somit ist die eigene Internetpräsenz lediglich eine weitere Persönlichkeit in der Palette. Vielleicht stört uns daran nur, dass der konstruierende Mechanismus zu offensichtlich ist, über den wir uns sonst gerne hinwegtäuschen: die Inszenierung. Warum geht dann der Deutsche so zögerlich auf die Sozialen Medien zu, ist er doch bereit sich in anderen Lebenslagen bewusst oder unbewusst zu inszenieren? Das nervt:
Und unterschwellig fühlt jeder, was Harold Jarche hier so präzise ausdrückt: Wer zum ersten Mal an die Sozialen Medien herantritt, ist wie ein Erwachsener beim Sprachenlernen. Man kann nicht mit den gleichen ausgefeilten Gedankenmodellen und -bildern der Erstsprache arbeiten. Zudem wird der eigene Gedankengang von der Ausdrucksweise und der Kultur der neuen Sprache geformt, wenn man ein höheres Niveau erreicht hat. Dies ist der eigentliche Veränderungsprozess, der von den Sozialen Geschäftsmedien ausgeht; der Mensch denkt anders. Die Sozialen Medien erfordern zunächst eine Bereitschaft zum Umdenken und erbringen dann ein neues Denken. Wir wissen inzwischen, dass es buchstäblich an die Substanz geht; das Gehirn wird neu verdrahtet. Und bevor man sich’s versieht, hat man mit dem bisherigen sozialen Umfeld nichts mehr gemeinsam und hat sich in eine Welt gestürzt, die als soziales Netz noch nicht ausgefeilt ist. Aber es ist nur eine Frage der Zeit. Hierzu Derek Sivers kurze Darstellung: |
Sometime ago, I met a man who might have been ‘Mr. Right’. We wanted to get to know each other a bit over a cup of coffee, and to my dismay I discovered that I am hardly prepared to present myself in a private way. Simply because I haven’t what it takes to support such a presentation with the appropriate background. On the job, luckily presenting myself is reduced to a distinct time frame.He was experienced in presenting himself. On his own accord he mentioned all the points a woman would be interested in: his family, health, professional plans, hobbies, religious views, his life story.And oh, the things that went through my head: I would have to change my eating habits, acquire some sort of lifestyle, fashion taste, likes and dislikes concerning a bunch of inconsequential things. Not only that, I would have to assert them (‘I don’t care’ just won’t do); I would have to make ways for him to please me (in order to make up for his own idiosyncracies).
In short, I would have to spend money (and worse: thought) on matters which don’t contribute to the quality of my life. On top of it all, he shouldn’t ever notice my grumpy attitudes. Whatever were in it for me – sex and perhaps longterm financial sharing (honestly, that’s the way women think) wouldn’t be worth the trouble. So I refrained from staging my own self and in no time I found myself left at the next bus stop with a cheery good-bye. Everyone is staging their own presence and has spent considerable time tinkering to build a credible representation. It’s part of decency and convention. This is where the public space comes in so handy: you share in it, not by who you are, but by what you present to be. It’s easily seen when senior citizens dress up carefully for their sunday walk and command as much significance as does a sturdy youth on a mountain bike. Science has reached a point saying that there is no ‘I’. According to the need and the respective situations we choose from a range of personalities that are within our repertoire. These are constructs which we make an effort to bring across realistically. For example during a party night you may step on the terrace to enjoy some fresh air. The person you were inside and the one you’re outside are substantially different. The fact that we continually experience ourselves as one being is due to a smooth performance of our brains. Can we really be authentic? Or aren’t we rather operating with a high level of credibility? It doen’t matter at all whether one takes the ‘I’ for real or not. Inner processes take their course and one’s presence on the net is just another personality one among many. Perhaps the constructing mechanism shows far too plainly and crudely, whereas in everyday life we love to deceive ourselves about the fact that we’re performing. So how come Germans are so slow to embrace Social Media, when they have no problems whatsoever presenting themselves in other situations? Here’s the problem:
Everyone uncannily feels what Harold Jarche expressed here: Those who come to social media for the first time are like adults learning a new language. They cannot start with the same advanced mental models and metaphors they may have in a primary language. Furthermore, once they get to an advanced level in this new language, its idioms, metaphors and culture may have changed how they think in that language. This is the real change process enabled by social business; people will start thinking differently. Initially Social Media calls for mental flexibility only to eventually change our minds. By now we know that our substance is affected directly; the brain is rewired. And before you know it, your social ties are inadequate, if not obsolete and you’ve plunged into a world that hasn’t got the scope of a functional social net yet. However, it’s just a matter of time. Watch Derek Siver’s short explanation: |
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